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Ökobilanz statt Bauchgefühl – so funktionieren Life Cycle Assessments in der Landwirtschaft

Ökobilanz statt Bauchgefühl – so funktionieren Life Cycle Assessments in der Landwirtschaft
Dr. Katja Schiffers
Dr. Katja Schiffers
6 Min. Lesezeit
#LCA#Ökobilanz#Landwirtschaft#Nachhaltigkeit#Automatisierung

Weizen aus Argentinien oder vom heimischen Acker – was ist umweltfreundlicher? Im Kontext des Mercosur-Abkommens eine hochaktuelle Frage. Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: Der Transportweg aus Argentinien ist deutlich länger. Aber spielen nicht auch Erträge pro Hektar, Düngemitteleinsatz, Lachgasemissionen oder Energiebedarf für Trocknung eine Rolle?

Tatsächlich ist die Bewertung der Umweltwirkungen komplex. Bei der Erzeugung von Weizen – wie bei allen landwirtschaftlichen Produkten – wirken zahlreiche Faktoren zusammen: Betriebsmittel, Maschinen, Böden, Erträge und Emissionen. Pauschale Einschätzungen “über den Daumen” greifen zu kurz.

Genau hier hilft das Life Cycle Assessment (LCA) – auf Deutsch: Ökobilanz. Diese wissenschaftliche Methode erfasst Umweltwirkungen systematisch und ermöglicht fundierte Vergleiche und Entscheidungen.

In dieser Blog-Serie erklären wir, wie eine Ökobilanz in der Landwirtschaft funktioniert und warum sie mehr ist als nur ein CO₂-Rechner.


Die vier Phasen einer Ökobilanz in der Landwirtschaft

Jedes Life Cycle Assessment – egal ob für industrielle Produkte oder landwirtschaftliche Erzeugnisse – folgt einem strukturierten Prozess mit vier Phasen:

Die vier Phasen einer Ökobilanz

Phase 1: Ziel und Untersuchungsrahmen festlegen

Bevor gerechnet wird, muss klar sein: Was genau wollen wir wissen?
Beim Weizenvergleich zwischen Argentinien und Deutschland lautet die Fragestellung zum Beispiel:

Wie unterscheiden sich die Umweltwirkungen pro Kilogramm Weizen aus Argentinien im Vergleich zu Deutschland?

Um diese Frage präzise zu beantworten, werden drei zentrale Festlegungen getroffen:

1. Funktionelle Einheit: Worauf beziehen wir die Bilanz? Pro Hektar, pro Kilogramm Produkt, pro Kilokalorie? Die Wahl macht einen Unterschied: Ein ertragsschwächerer Betrieb kann pro Hektar gut abschneiden, aber pro Kilogramm Weizen schlechter – weil mehr Fläche für dieselbe Erntemenge nötig ist.

2. Systemgrenzen: Welche Prozessschritte zählen wir? Nur den Anbau (cradle-to-farm-gate)? Oder auch Transport, Verarbeitung und Verpackung (cradle-to-consumer)? Oder sogar die Nutzung beim Endverbraucher (cradle-to-grave)? Je nach Fragestellung kann die Grenze unterschiedlich gezogen werden.

3. Wirkungskategorien: Welche Umwelteffekte betrachten wir? Nur Treibhausgase? Oder auch Wasserverbrauch, Bodenqualität und Biodiversität? Die Auswahl prägt das Ergebnis maßgeblich.


Phase 2: Sachbilanz (Life Cycle Inventory)

Jetzt wird es konkret: Alle Inputs und Outputs werden erfasst. Bei Weizen (von Anbau bis Verbraucher) sind das zum Beispiel:

Inputs

  • Saatgut (Menge, Herkunft)
  • Düngemittel (Stickstoff, Phosphor, Kalium – Menge, Form, Zeitpunkt)
  • Pflanzenschutzmittel (Wirkstoffe, Mengen, Anwendungen)
  • Energie und Treibstoff für Bodenbearbeitung, Aussaat und Ernte sowie für Transport (vom Feld zum Hafen, per Schiff und weiter zum Verarbeitungs- oder Verbrauchsort)
  • Energie für Nachernteprozesse (Trocknung, Lagerung)

Outputs

  • Ertrag (z. B. kg Weizen pro Hektar)
  • Emissionen in die Luft (CO₂, N₂O, NH₃, CH₄)
  • Nährstoffverluste ins Wasser (Nitrat, Phosphat)
  • Nebenprodukte (z. B. Stroh – Nutzung vor Ort oder Weiterverwertung)

Diese Phase ist normalerweise der arbeitsintensivste Teil: Bei klassischen LCAs müssen Landwirte alle Daten manuell zusammentragen – 8–10 Stunden Aufwand pro Betrieb sind keine Seltenheit.

Unser Ansatz bei FactFlow: Wir extrahieren diese Informationen automatisch aus Ihren vorhandenen Dokumenten – Ackerschlagkarteien, GAP-Anträge. Keine Doppelerfassung, wenige Minuten statt Stunden.


Phase 3: Wirkungsabschätzung (Life Cycle Impact Assessment)

Die Rohdaten der Sachbilanz lassen sich noch nicht direkt als Umweltwirkungen interpretieren. Erst durch die Wirkungsabschätzung werden Stoffflüsse mithilfe von Charakterisierungsfaktoren in Umweltwirkungen übersetzt.

Ein anschauliches Beispiel ist die Klimabilanz: Unterschiedliche Treibhausgase werden in CO₂-Äquivalente umgerechnet. Methan wirkt über 100 Jahre etwa 28-mal, Lachgas (N₂O) sogar rund 265-mal stärker als CO₂. Erst dadurch lassen sich Emissionen aus Düngung, Maschinenbetrieb oder Transport zu einem gemeinsamen Klimawirkungswert zusammenführen.

Analog werden auch andere Wirkungskategorien bewertet: Beiträge zur Versauerung werden in SO₂-Äquivalente umgerechnet, Eutrophierung in Nährstoffäquivalente, der Wasserverbrauch wird unter Berücksichtigung der regionalen Wasserknappheit bewertet.

Das Ergebnis: Für jede Wirkungskategorie entsteht ein konkreter Wert. Ein reiner Klimarechner zeigt nur CO₂-Äquivalente. Eine vollständige Ökobilanz bewertet mehrere Kategorien parallel.


Phase 4: Auswertung – Von Daten zu Entscheidungen

Die Zahlen der Ökobilanz liegen vor – doch was bedeuten sie konkret? In der Auswertungsphase werden die Ergebnisse analysiert, auf Plausibilität geprüft und in den jeweiligen Kontext eingeordnet. Erst hier wird aus einer Berechnung eine Entscheidungsgrundlage.

Hotspot-Analyse: Wo entstehen die größten Umweltwirkungen?

Meist zeigt sich: Wenige Faktoren machen den größten Teil aus. Bei heimischem Weizen sind das typischerweise:

  • Stickstoffdüngung (inkl. Herstellung): 40–60 % der Treibhausgase
  • Diesel für Feldarbeiten und Transport: 20–30 %
  • Lachgasemissionen aus dem Boden: 15–25 %

Das ist der Mehrwert: Sie sehen nicht nur die Gesamtbilanz, sondern genau, wo Sie ansetzen können. Beim Vergleich Deutschland–Argentinien zeigt sich dann: Dominiert wirklich der Transport? Oder sind Düngung und Anbaupraxis entscheidender?

Sensitivitätsanalyse: Wie stabil sind die Ergebnisse?

Ökobilanzen beruhen auf Annahmen und Modellen. Gerade bei Weizen sind einige Einflussgrößen mit Unsicherheiten behaftet – etwa die Höhe der N₂O-Emissionen aus dem Boden, die stark von Standort, Wetter und Bewirtschaftung abhängen. In der Sensitivitätsanalyse wird geprüft, wie stark sich das Ergebnis verändert, wenn solche Annahmen variiert werden. Bleibt der Unterschied zwischen zwei Produktionssystemen bestehen oder kehrt sich die Bewertung um?

Vergleichbarkeit prüfen: Werden gleiche Maßstäbe angelegt?

Gerade bei internationalen Vergleichen ist entscheidend, ob die Ökobilanzen nach denselben Regeln erstellt wurden. Unterschiedliche Systemgrenzen, funktionelle Einheiten oder Wirkungsmodelle können die Ergebnisse stark verzerren. Ein häufiger Schwachpunkt einfacher Rechnungen ist, dass diese Unterschiede nicht transparent gemacht werden – und damit scheinbar klare Vergleiche liefern, die methodisch nicht belastbar sind.


Warum eine Ökobilanz mehr ist als ein CO₂-Rechner

Ein häufiges Missverständnis: Ökobilanz und CO₂-Fußabdruck sind nicht dasselbe. Ein Klimabilanz-Rechner zeigt nur Treibhausgase. Eine Ökobilanz betrachtet mehrere Umweltwirkungen parallel – Klima, Wasser, Boden, Biodiversität – und macht Zusammenhänge sichtbar, die sonst verborgen bleiben.

Warum das wichtig ist: Maßnahmen für besseres Klima können andere Umweltprobleme schaffen. Beispiel: Organischer statt mineralischer Dünger senkt oft die Treibhausgase. Aber bei ungünstiger Ausbringung steigt die Nährstoffauswaschung – schlecht fürs Grundwasser. Eine Ökobilanz zeigt solche Zielkonflikte und verhindert, dass Sie Probleme nur verlagern statt lösen.

Der Mehrwert einer Ökobilanz liegt daher nicht in einer einzelnen Kennzahl, sondern im Verständnis der Ursachen: Sie zeigt, welche Prozesse die Umweltwirkungen eines Betriebs oder Produkts prägen und wo realistische Stellschrauben liegen. Statt einfache Antworten zu liefern, ermöglicht sie sachliche Abwägungen und „Was-wäre-wenn“-Analysen – eine zentrale Voraussetzung für fundierte Bewertungen in Betrieb, Beratung und Wertschöpfungskette.


Von der Theorie zur Praxis: Wie FactFlow Ökobilanzen vereinfacht

Bei FactFlow verfolgen wir das Ziel, wissenschaftlich fundierte Ökobilanzen so zugänglich zu machen wie einen einfachen CO₂-Rechner - ohne Abstriche bei der methodischen Qualität.

Unser Ansatz:

  • Automatische Datenerfassung aus vorhandenen Dokumenten (Ackerschlagkarteien, GAP-Anträge)
  • Vollständige Umweltbilanz nach ISO-Standards, nicht nur Klimabilanz
  • Betriebsindividuelle Berechnung statt pauschaler Durchschnittswerte
  • Szenarienanalysen für “Was-wäre-wenn”-Fragen
  • Verständliche Visualisierung komplexer LCA-Ergebnisse

Das Ergebnis ist eine Ökobilanz für landwirtschaftliche Betriebe, die in wenigen Minuten erstellt werden kann, wissenschaftlich robust ist und eine belastbare Grundlage für Entscheidungen liefert.

Sie möchten Ihre eigene Klimabilanz erstellen? Besuchen Sie uns auf unserer Webseite oder melden Sie sich für unsere Warteliste an!