Klimabilanz in der Landwirtschaft: Warum sie so kompliziert ist – und wie es einfacher geht


“Können Sie uns die Umweltdaten Ihrer Zulieferbetriebe zur Verfügung stellen?” Diese Anfrage hören Lebensmittelunternehmen immer häufiger – von Investoren, Handelspartnern und Kunden. Die Antwort ist meist ernüchternd: “Wir arbeiten daran.”
Aber warum ist es eigentlich so schwierig, verlässliche Nachhaltigkeitsdaten aus der Landwirtschaft zu bekommen?
Zwischen Anforderung und Realität: Die Datenlücke
Landwirtschaftliche Betriebe und ihre Abnehmer stecken in einer Zwickmühle. Unternehmen sehen zunehmend die strategische Bedeutung von Nachhaltigkeitsdaten – für Risikomanagement, Produktdifferenzierung und langfristige Lieferantenbeziehungen. Aber die Beschaffung dieser Daten für eine einzelbetriebliche Klimabilanz ist aufwendig und teuer.
Für Landwirt*innen bedeutet eine klassische Umweltbilanz oft: mehrere Stunden Fragebogen ausfüllen, Telefonate mit Berater*innen, Daten zusammensuchen, die man vielleicht noch nie digital erfasst hat. Der Zeitaufwand liegt schnell bei 8-10 Stunden pro Betrieb – Zeit, die niemand hat, besonders nicht in der Erntezeit. Und der direkte Nutzen? Oft unklar.
Die Folge: Bilanzierung findet kaum statt. Nach Schätzungen haben weniger als 5% der deutschen landwirtschaftlichen Betriebe jemals eine umfassende Umweltbilanz erstellt. Die meisten Nachhaltigkeitsberichte von Lebensmittelunternehmen arbeiten deshalb mit Durchschnittswerten und Hochrechnungen – besser als nichts, aber weit entfernt von der Realität.
Warum die bisherigen Ansätze nicht skalieren
Es gibt etablierte Methoden für die landwirtschaftliche Umweltbilanzierung. Das Problem ist nicht die Wissenschaft – die ist ausgereift. Das Problem ist die Praxis der verfügbaren Klimabilanz-Tools.
Klassische Beratung funktioniert gut für einzelne Betriebe, die sich intensiv mit Nachhaltigkeit beschäftigen wollen. Ein Berater*in kommt auf den Hof, führt ausführliche Gespräche für den Klimacheck, erfasst alle Details. Das Ergebnis ist präzise und wertvoll. Aber: Es kostet mehrere tausend Euro und dauert Wochen. Für ein Unternehmen mit 500 oder 5.000 Zulieferbetrieben ist das schlicht nicht finanzierbar.
Digitale Fragebögen und manche CO2-Rechner für den Ackerbau reduzieren die Kosten, aber nicht den Aufwand für Landwirt*innen. Die Abbruchquoten sind hoch – verständlicherweise. Wer nach einem 12-Stunden-Arbeitstag noch 4 Stunden lang Formulare in einem Treibhausgasrechner ausfüllen soll, braucht eine sehr gute Motivation. Bonuszahlungen helfen, aber dann wird es wieder teuer.
Durchschnittsdaten sind günstig und schnell verfügbar. “Wir bauen Weizen in Nordrhein-Westfalen an, also nehmen wir die durchschnittlichen Emissionen für NRW-Weizen.” Das Problem: Die Unterschiede zwischen Betrieben sind enorm. Ein Betrieb mit Präzisionsdüngung und optimierter Fruchtfolge kann 30-40% weniger Emissionen haben als der Durchschnitt. Diese Betriebe werden durch Durchschnittswerte bestraft, progressive Praktiken bleiben im CO2-Fußabdruck unsichtbar. Dazu kommt: Berichtspflichten genügen diese Daten oft nicht.
Die drei Barrieren, die überwunden werden müssen
Nach hunderten Gesprächen mit Landwirt*innen und Lebensmittelunternehmen sehen wir drei zentrale Hürden für effektive Software-Lösungen im Agrarbereich:
Der Erfassungsaufwand ist zu hoch. Landwirt*innen führen bereits umfangreiche Aufzeichnungen – für Behörden, für GAP-Förderung, für die eigene Planung. Aber diese Daten liegen in verschiedenen Formaten vor: handschriftliche Notizen, Excel-Tabellen, Ackerschlagkarteien, PDF-Formulare. Alles nochmal digital einzugeben, fühlt sich an wie doppelte Arbeit.
Der Nutzen für Landwirt*innen ist nicht klar genug. “Mein Abnehmer will die Daten” ist keine besonders motivierende Begründung. Erst wenn Betriebsleiter*innen sehen, dass sie dadurch bessere Kreditkonditionen bekommen, Bonuszahlungen erhalten, oder konkrete Verbesserungspotenziale für ihren Betrieb erkennen, wird Bilanzierung interessant. Der eigentliche Wert liegt darin, den eigenen Betrieb besser zu verstehen und zukunftsfähiger zu machen.
Das Vertrauen in Datensicherheit fehlt. Betriebsdaten sind sensibel. Erträge, Düngermengen, Pflanzenschutzmitteleinsatz – das sind Geschäftsgeheimnisse. Viele Landwirt*innen fürchten, dass diese Daten gegen sie verwendet werden könnten.
Ein neuer Ansatz: Automatisierung trifft Wissenschaft
Bei FactFlow haben wir uns gefragt: Was wäre, wenn Landwirt*innen ihre vorhandenen Dokumente einfach hochladen könnten – und fertig? Keine Fragebögen, keine stundenlange Dateneingabe in einen CO2-Rechner. Die Künstliche Intelligenz liest aus Ackerschlagkarteien, GAP-Anträgen und Düngeberichten automatisch die relevanten Informationen aus. Selbst handschriftliche Notizen werden verarbeitet.
Das Ergebnis: Statt 9 Stunden Aufwand nur noch wenige Minuten. Statt über 1500€ Erhebungskosten pro Betrieb deutlich weniger. Und das bei wissenschaftlich fundierter Methodik nach GHG Protocol und ISO-Standards – keine Abstriche bei der Qualität der Agrar-Klimabilanz.
Aber Automatisierung allein reicht nicht. Das Tool muss auch für Landwirt*innen einen echten Mehrwert liefern. Deshalb entwickeln wir Funktionen, die über reine Berichterstattung hinausgehen: Szenarienanalysen, die zeigen, wie sich verschiedene Managementoptionen auf Umweltbilanz, Kosten und Erträge auswirken. Anonymes Benchmarking mit ähnlichen Betrieben. Konkrete, betriebsindividuelle Handlungsempfehlungen.
Was das ermöglicht
Wenn der Aufwand von Stunden auf Minuten sinkt, wird die Erstellung einer Klimabilanz in der Landwirtschaft plötzlich skalierbar. Ein Lebensmittelunternehmen kann seine gesamte Lieferkette erfassen – nicht nur ein paar Vorzeige-Betriebe. Das schafft echte Transparenz im ökologischen Fußabdruck und macht Risiken sichtbar, bevor sie zum Problem werden.
Wenn Landwirt*innen direkten Nutzen aus der Bilanzierung ziehen, wird sie vom lästigen Pflichtprogramm zum Werkzeug für bessere Entscheidungen. Welche Düngestrategie spart Kosten und schont gleichzeitig das Grundwasser? Wie wirkt sich eine angepasste Fruchtfolge auf die langfristige Bodenqualität aus? Wo liegen die größten Hebel für Verbesserungen? Nachhaltigkeit wird messbar, vergleichbar, verbesserbar – und damit zu einem strategischen Vorteil.
Wenn Datensicherheit von Anfang an mitgedacht wird – durch Verschlüsselung, klare Nutzungsvereinbarungen, und die Möglichkeit, Daten nur aggregiert weiterzugeben – steigt das Vertrauen in digitale Lösungen.
Der Weg nach vorn
Die Landwirtschaft steht vor fundamentalen Herausforderungen: Klimawandel, Ressourcenknappheit, gesellschaftliche Erwartungen. Gleichzeitig bieten neue Technologien und Datenansätze Chancen, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab. Nachhaltigkeit muss kein Compliance-Thema bleiben. Mit den richtigen Werkzeugen wird sie zu dem, was sie sein sollte: ein Treiber für Innovation, Effizienz und Resilienz in der Landwirtschaft.
Bei FactFlow arbeiten wir daran, diese Werkzeuge zu bauen. Gemeinsam mit Landwirt*innen, Lebensmittelunternehmen und Wissenschaftler*innen. Denn am Ende geht es darum, echten Mehrwert zu schaffen und die Landwirtschaft fit zu machen für die Herausforderungen der Zukunft.
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